Zurück nach Europa
Substack hat meinen Newsletter blockiert. Ein Versehen, sagen sie. Jetzt sind meine Texte umgezogen nach Europa, in die digitale Unabhängigkeit.
Das ist schnell gegangen jetzt. NATÜRLICH wollen sie mich zum Schweigen bringen. Die Themen sind brisant, ich schreibe frei, schnell, anarchistisch. Das passt nicht in das Konzept amerikanischer Newsletter- und Blog-Plattformen. SELBSTVERSTÄNDLICH wird das abgeblockt, ausgeschaltet, unzugänglich gemacht.
Gedanken dieser Art sind mir durch den Kopf gegangen, als ich nachschauen wollte, ob mein Neujahrsbrief meine deutschsprachigen Freunde, also Dich, gut erreicht hatte. Stattdessen fand ich den Brief bei Substack im Mülleimer und alle meine Texte abgeschaltet vor, mit einer Nachricht quer über den Bildschirm: Inhalte meiner Artikel seien nicht mit den Bestimmungen von Substack konform. Der Account sei suspendiert.
Zum Schweigen gebracht
Gut gut, keine Panik. Es war Neujahr. Ich habe ein, zwei Tage zugewartet und dann eine Beschwerde an den Kundenservice geschickt. Eine Weile in der selbstgemachten Sosse baden: der anarchische Schreiberling, der von den dicken US-Konzernen zum Schweigen gebracht wird und so.
Nach ein paar Tagen kam dann eine Antwort:
Hi Markus, Landry here from Substack Standards & Enforcement. Thanks for taking the time to submit this appeal. It looks like your account was incorrectly flagged as spam. I've corrected the issue and you should now be able to use it again.
Haha. So einfach ist das. So banal. Schade, dachte ich kurz. Es hätte meinem Ego besser getan, sie hätten sich wegen irgendwelcher Inhalte aufgeregt.
Aber meine schon länger und in jenen ersten Januartagen verschärft gereifte Entscheidung, Substack zu verlassen und Blog und Newsletter unabhängig zu veröffentlichen, war jetzt getroffen.
Es reicht schon, dass sie die Macht haben
Es ist ja egal, aus welchen Gründen sie Dir den Hahn abdrehen. Die Tatsache, dass sie die Macht dazu haben, reicht schon aus, ihren Klauen zu entfliehen.
Klar, in Wirklichkeit ist das alles halb so wild, hat auch seine Berechtigung. Plattformen wie Substack müssen Inhalte kontrollieren und auf die eine oder andere Art filtern bzw. moderieren. Dazu setzen sie Technik ein, die nach Triggerworten sucht, nach problematischen Inhalten oder Absichten. Da greift man schon mal daneben. Und alles ist ja auch recht schnell und unproblematisch gelöst worden.
Die Entscheidung war gefallen
Trotzdem: Die Entscheidung war gefallen. Auch weil sie mit meiner seit längerem herangewachsenen Absicht zusammenfiel, mich und uns, meine Theatercompagnie, von US-amerikanischer Technologie und Datenspeicherung unabhängig zu machen.
So habe ich mit Unterstützung von zwei Assistenten einen Server in der EU angemietet, darauf die Open-Source-Publishing-Software Ghost installiert. Die Texte und Bilder von Substack rübergeholt, neu verlinkt und so weiter und so weiter. Hunderte von Schritten, mit denen ich Dich jetzt nicht langweilen will.
100% europäisch
In einer knappen Woche war das geschafft. Wenn Du jetzt diese Nachricht bekommst, ist sie zu 100% europäisch: Geschrieben in der Schweiz, veröffentlicht auf einem Server in Deutschland. Bei einer deutschen Firma.
Das ist wichtig, denn alle grossen US-amerikanischen IT-Firmen haben Serverfarmen in der EU. Es ist dann aber nicht auszuschliessen, dass die in Europa gehosteten Daten nach US-amerikanischen Gepflogenheiten behandelt werden.
Auch der Versand der Mails wird von einer europäischen Firma (Sinch / Kopenhagen) über Server in Frankfurt abgewickelt.
Langer Rede kurzer Sinn: ein weiterer, für mich fundamentaler Schritt in die Unabhängigkeit.
Zwei Schwestern in Bayern
Weil ich gerade dabei war, habe ich die Schwesterpublikation Backstage Magazine (italienisch), die bislang mit Ghost bei DigitalOcean, einer IT-Firma in New York, veröffentlicht worden war, gleich mitumgezogen. Die beiden Blogs sind jetzt auch physische Nachbarn — sie teilen sich denselben Server in Nürnberg.
Was jetzt kommt
Jetzt schicke ich Dir erstmal dieses Lebenszeichen. Dann, wenn das alles glattgeht, in ein, zwei Tagen, den Neujahrsgruss, der von Substack Angfang des Jahres noch vor seiner Reise zu Dir abgefangen und in den Papierkorb gesteckt worden war.
Ich freue mich auf die Zukunft!
Eine neue Ära beginnt.
Fragen?
Was passiert mit meinem Substack-Abo?
Dein Abo wurde automatisch hierher übertragen. Du brauchst nichts zu tun. Falls Du diesen Text lesen kannst, hat alles funktioniert. Willkommen in Europa!
...wenn ich auf Substack ein bezahltes Abonnement hatte?
In den nächsten Tagen werden hier alle bezahlten Abonnements in Kompagnons umgewandelt, was neben der enormen Hilfe für mich für Dich u.a. Zugang zu den für Kompagnons reservierten Texten bedeutet.
Muss ich die Mails erneut abonnieren?
Nein. Deine E-Mail-Adresse wurde beim Umzug mitgenommen. Du erhältst meine Texte weiterhin wie gewohnt. Falls Du meine Arbeit unterstützen möchtest und Dich für Texte in Spiegelschrift interessierst, kannst Du einfach Kompagnon werden.
Wie oft wirst Du Mails schicken?
Ich möchte u.a. auch weg vom Konzept der "Newsletter". Anstatt in irgendwelchen mehr oder weniger regelmässigen Abständen "Newsletter" (warum gibts da kein adäquates deutsches Wort dafür?) rauszufeuern, möchte ich Dir lieber schreiben, wenn es etwas zu schreiben gibt. Das kann zwei oder dreimal pro Woche sein, dann vielleicht zwei oder drei Wochen lang nicht mehr. Schauen wir. Auf jeden Fall bin ich sicher, dass es für Dich und auch für mich besser und schöner ist, wenn das Ganze mit Absicht geschieht, anstatt in irgendwelchen ausgedachten Strukturen oder Plänen.
Ändert sich etwas an den Inhalten?
Nein, nur die Infrastruktur ist eine andere. 3,2 mal schneller als vorher, übrigens.
Was mache ich jetzt mit der Substack-App auf meinem Telefon?
Kommt darauf an: Wenn Du anderen Autoren auf Substack folgst, lies dort einfach weiter. Falls nicht: weg damit. Ballast ist das Einzige im Leben, das man nicht brauchen kann. Und wirf das Telefon gleich mit weg, dann wirst wieder ein Mensch.

Kommentare