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Rückkehr vom Südpol 2 Min. Lesezeit
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Suffolk

Rückkehr vom Südpol

Über Schlehen am Strassenrand, atmenden Flüssen und Fasanen, die nur so tun, als könnten sie fliegen.

Von Markus Zohner

Grau ist es, kalt, und vor allem windig. Wir sind froh, wenigstens zum Südpol gekommen zu sein. Die Versuchung war gross, einfach zu Hause zu bleiben, noch ein Holzscheit auf das Kaminfeuer zu legen und den Tee schon um halb vier aufzubrühen. Der Südpol ist eine Strassenkreuzung, oder besser: -gabelung: eine kleine Landstrasse mündet in eine wenig grössere, die sich in Schlangenlinien über das Land zieht und Bauernweiler und die wenigen kleinen Dörfer der Halbinsel miteinander verbindet. Ihre Breite genügt gerade für ein Auto. Bei Begegnungen müssen die beiden Gegner gemeinsam zu Ausweichstellen rangieren, oder einer fährt mit seinem Range Rover aufs Bankett, bis die Schlehen, dicht neben der Strasse gedrängt, beginnen, auf dem Autolack ihr schrilles Kratzen anzustimmen.

Kartoffeln werden angebaut, Getreide, Zwiebeln, und Zuckerrüben natürlich in rauen Mengen, gerade ausreichend für den Sticky Toffee Pudding im Pub.

Am Südpol sind wir also wieder umgekehrt, die Luft war einfach zu kalt. Der Wind war zu stark und der Himmel zu grau. Es ist Mitte März, aber von Sonne keine Spur, nur die Kamelien im Garten sind in eine Blütenpracht ausgebrochen, die unter diesem Himmel vollkommen fehl am Platz scheint. Nun, wenn man also die Strasse weitergehen würde, ginge man an nichts als an Feldern entlang. Ab und an käme man an Farmen vorbei. Es gibt eigentlich nichts anderes hier: Felder und Bauernhöfe. Die wenigen kleinen Ortschaften scheinen mehr Alibi zu sein, als dass sie zu etwas nütze wären. Kein Geschäft, kein Friseur, allerdings ein grosser Spielplatz, der vor allem zum Hundetraining benutzt wird. Die beiden Flüsse Stour und Orwell, die die Landzunge begrenzen, scheinen langsam und sehr regelmässig ein- und auszuatmen. Man kann in ihnen baden und auf ihnen segeln, wenn man versteht, die Tiden und die aus ihnen resultierende Länge der zum Festmachen des Bootes notwendigen Leinen zu berechnen. Es sind nur wenige Meilen zur Mündung bei Harwich in die Nordsee, sodass die Gezeiten hier mit Kraft flussaufwärts drücken und sechs Stunden später das Wasser wieder absaugen. Nur noch Rinnsale bleiben dann in der Mitte der Läufe übrig, und die festgemachten Boote legen sich im Schlick in schicksalsergebener Agonie auf die Seite.

Ginge man hinter dem Südpol tatsächlich weiter, dann würde man auch alle 50 Yard oder so von hysterisch kreischend davonfliegenden Fasanen zu Tode erschreckt. Diese Vögel scheinen nur so zu tun, als könnten sie fliegen. Mit schrecklichem Flattern schrauben sie sich irgendwie flach durch die Luft und lassen sich dann ausser Sichtweite wieder auf den Boden fallen. So stelle ich mir das jedenfalls vor, ich habe noch nie einen landen sehen. Sie werden in Tag und Nacht beleuchteten Farmen gezüchtet und dann in Massen freigelassen. Was sie dann den ganzen Tag das Frühjahr, den Sommer und den Herbst über machen, ist mir ein Rätsel, wohl existieren sie einfach und bewegen sich in konzentrischen Kreisen, je nach Hungerstand, um die Futterstellen am Rande der Felder. Im Herbst kommen dann in Horden die Jäger. Oder besser: die, die sich gerne so nennen würden, denn von jagen kann ja keine Rede sein. Geschäftsleute, oft in Gruppen von ihrer Firma eingeladen, und andere irgendwie wohlhabende Männer bekommen gegen eine Tagespauschale eine Flinte in die Hand gedrückt und ballern auf die vollgefressenen Vögel, was das Zeug hält. Die Beute ist beträchtlich, wird aber häufig nicht einmal mehr aufgesammelt oder gar gegessen, denn darum geht es ja nicht. Nicht selten kommt es in jener Saison vor, dass die Bewohner des Landstriches auf ihren morgendlichen Spaziergängen angeschossene Fasane am Wegrand finden und ihnen den Gnadentod geben müssen.

Heute sind wir am Südpol wieder umgekehrt. Haben den Kamin wieder aufflammen lassen und den Tee schon um halb fünf aufgebrüht.

Bis bald!

Markus

Suffolk, März 2026

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