Ich sah eine Krähe mit einem Storch umherlaufen;
ich wunderte mich und erforschte ihren Zustand,
um zu ergründen, was die zwei verband.
Erstaunt und verwundert näherte ich mich ihnen
und sah: Beide waren lahm.
RUMI
zitiert nach Elif Shafak
Jetzt!
Der kleinste gemeinsame Nenner unter den Menschen ist, am Leben zu sein. Alles andere sind Unterschiede, Differenzen, die sich in unendlichen Distanzen verlieren. Wir Individuen scheinen jede und jeder in Lichtjahre voneinander entfernten Galaxien zu leben. Der Versuch, mit diesen anderen Welten zu kommunizieren, ist reine Glückssache. Wie viele sympathische oder erbauliche Gespräche mit bis dato Unbekannten hattest Du vergangene Woche? Man sendet kontinuierlich blind irgendwelche Wellen aus in der Hoffnung, dass es da draussen eine Empfängerin oder einen Empfänger gibt, der nicht nur die Technik hat, diese Wellen einzufangen, sondern auch über Mittel und Wege verfügt, die erhaltenen Signale zu dechiffrieren und ihnen so etwas wie einen verbindenden Sinn zu geben.

Wie viele?
Wie viele Menschen gibt es, von denen Du meinst, sie würden Dich wirklich verstehen? Wie viele Freunde hast Du, von denen Du das Gefühl hast, sie gehen mit Deinen Signalen wohlmeinend um und senden Dir, der Mindestanspruch an eine Freundschaft, unterstützende Wellen zurück?1
8,36 Milliarden Menschen leben heute auf der Erde – und Du hast, wenn überhaupt, einen Mann? Eine Frau? Vier Freunde, mit denen Du Dich mehr oder weniger verstehst?2 Das ist eine miserable Ausbeute bei dem Potenzial, das in – wie viele waren es genau? – 8'360'000'000 Menschen steckt.
Gut, die meisten von ihnen leben glücklicherweise weit weg, aber trotzdem: was verbindet uns, ausser einiger biologischer und kultureller Abläufe, miteinander? Was hast Du mit, sagen wir: mir gemeinsam?
Freunde
Die sogenannten Sozialen Medien haben versucht, uns vorzugaukeln, dass wir hunderte, tausende, zehntausende von Freunden haben können, solange wir nur genügend bunte Bilder und Filmchen mit Katzen herzeigen. Aber irgendwann haben wir das durchschaut und sind ab- oder besser: hinübergesprungen auf den noch etwas schnelleren Zug, wo es keine Freunde mehr, sondern nur noch Follower gibt. Also Jünger, Anhänger, die uns (zugegeben, wir wussten immer schon, dass in Wahrheit ein Prophet in uns auf sein Erwachen harrte) mit wachsender Zahl in nie gekannte Höhen auf der Predigerskala hieven.
Wer bist Du also? Wer bin ich? Was haben wir miteinander gemeinsam?
Und, die wichtigste Frage von allen: was hat unsere Begegnung heute zu bedeuten?
Idiom
Vielleicht muss als Antwort für den Moment genügen: wir haben eine gemeinsame Sprache. Das reduziert die Wahrscheinlichkeit unserer heutigen Begegnung von 1/8'360'000'000 auf 1/110'000’000. Und, wir sind uns in diesem Moment – JETZT! – auf einem der Milliarden Korridore dieses Augenblicks begegnet. Das ist etwas wert, ein Strohhalm, wie jede Begegnung, für die man sich aus freien Stücken entschieden hat, eine Hoffnungsboje ist in diesem unendlichen Nichts, das uns trotz des scheinbaren Alles umspült.
Danke, dass Du da bist.
Schreib mir!
1 Eltern, Kinder, Tanten und Grossonkel zählen nicht. Die hat sich ja kein Mensch ausgesucht, und ihre vermeintliche Nähe ist erstens zunächst biologischer Natur und zweitens völlig überschätzt. Klar, meine Mutti versteht mich besser als die restlichen 8'359'999'998, schliesslich hat sie über mich bereits fast ein Jahr vor meinem ersten eigenen Atemzug geherrscht. Aber Lebenskunst heisst ja auch, Muttis Verständnis spätestens ab dem vierzigsten Lebensjahr auf der Couch des Psychotherapeuten zurücklassen zu können.
Hinweis: Unsere intensive Sommerwoche "Kreatives Schreiben: zwischen Imagination und Erinnerung" mit Patrizia Barbuiani und Markus Zohner findet vom 21. Juli 2025 in der Villa Ciani in Lugano statt (auf Italienisch). Weitere Informationen auf Anfrage.

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