In den letzten Monaten habe ich an einem Projekt mit der Schweizerischen Nationalphonothek gearbeitet – einer Reise durch Stimmen, Klänge und Erinnerungen.
Dabei wurde mir bewusst, wie tief das Hören mit unserem Gedächtnis verwoben ist – und wie jede Stimme, die verstummt, eine ganze Welt mit sich nimmt.
Ein Versuch, hörend zu verstehen, was von uns bleibt.
Ein ganzes Land, aufbewahrt in Tönen
Die Schweizerische Nationalphonothek.
Ein ganzes Land archiviert in Tönen.
Tausende von Stunden aufgezeichneter Geschichte, konservierter Stimmen, unerhörter Musik, bewahrter Momente.
Ich wollte nie aufzeichnen. Die Entscheidung, zum Theater zu gehen und nicht etwa an die Filmhochschule, war kein Zufall. Die Flüchtigkeit des Bühnengeschehens entsprach meiner Idee der Bindung von Kreativität an den Augenblick. Und damit an sein Vergehen.
Jetzt finde ich hier, sorgsam gesammelt, geordnet und gehütet, die Stimmen von Menschen, die längst verstummt sind, Dialekte, die niemand mehr spricht, Geschichten, die niemand mehr erzählt. Die Musik, die Stimmen und Geräusche eines ganzen Landes.
In der Nationalphonothek liegen hundertdreissig Jahre Schweiz in Tönen konserviert. Die Geschichte der Phonothek zu erzählen, aber auch die Geschichten, die die Phonothek hütet, ans Licht zu bringen, ist ein Traum. Einzutauchen in das aufbewahrte Leben der Schweiz heisst, sich in einer Dimension zu verlieren, die grösser scheint als das Leben selbst. Ein enormes, ständig wachsendes Mosaik aus Tönen, das das kulturelle Dasein der Schweiz der letzten hundertdreissig Jahre in seiner ganzen Tiefe, in seiner Anarchie, in seiner Kreativität, in seiner Wildheit und Schöpfungskraft auslotet.
Diesen vergangenen Tönen neue Struktur, Rhythmus und narrative Bögen zu geben, und über sie zu sprechen, heisst: sie nicht nur auszugraben, sondern sie heutigem Publikum wieder hörbar zu machen und in neue Zusammenhänge zu stellen, in heutiges Licht.
Zu Beginn: eine Phonomontage.
Linie Europa
Das Radio mit der weissen Stoffbespannung, gross wie ein Koffer, hatte meine Grosseltern mit seinen Stimmen aus dem Ausland durch den Krieg gebracht. Jetzt katapultierte es mich mit dem einfachen Drehen eines Knopfes von ihrem Sofa aus quer durch Europa von Athen bis nach Reykjavik. Die Geographie Europas war eine Linie; seine Knotenpunkte lagen ordentlich aufgereiht auf einer Skala: Berlin, Luxemburg, Budapest, Athen, London, Rom. Aber wo zum Teufel lag Hilversum, das von der Mitte der Linie aus den ganzen Kontinent dominierte? Und, Moskau natürlich, der Gruselsender, ganz rechts aussen. Die Worte, die hier aus dem Rauschen kamen, waren wie schwarze, versalzene Brote, jeder herausgeschleuderte Satz eine laute Kriegserklärung, eine Manifestation von etwas Dunklem. Bedrückender Rauch, der das hohe Wohnzimmer der Grosseltern ausfüllte und mir die Luft zum Atmen nahm.
Keine dieser Sendungen möchte ich nochmals hören, wenn nicht aus fast kaltem, geschichtlichem Interesse. Nicht die damaligen Programme und ihre Inhalte gehören zu mir, sondern die Töne selbst, die durch den weissen Stoff des Radios wie ätherische Gestalten in das Zimmer traten und es mit fremdem, unbekanntem Leben erfüllten. Das Fiepen und Rauschen zwischen den Sendern, die Worte aus Athen, endlos konnte ich dieser Sprache, die mir Musik war, zuhören. Ferne Lieder aus Rom, nach meinem Gusto gewürzt mit den dünnen Nachrichten aus London und den bellenden Ansagern aus Budapest. Und, immer wieder Moskau, dessen dunkler Faszination ich nicht entfliehen konnte. Warum herst1 immer die Russen, Markus? sagte meine Grossmutter, als sie die dampfenden Schüsseln fürs Mittagessen hereinbrachte. Schalt um, seien wir froh, dass der Krieg vorbei ist!
Zuhören
Zuhören. Geschichten erzählt bekommen.
Durch das Hören beginnen wir in den ersten Jahren des Lebens, die Welt zu verstehen. Ihr einen Sinn zu geben.
Ungefragt werden wir mit all unseren Sinnen in einen eiskalten Kosmos katapultiert, dem wir in all unserer Nacktheit ausgeliefert sind. Wir lernen zu sehen, uns zu bewegen, und wir lernen zu hören. Die Stimme unserer Mutter zuerst, dann die des Vaters, der Geschwister, der Grosseltern, je nachdem, mit wem wir und wer mit uns zu tun hat in unseren ersten Tagen, Wochen und Monaten.
Ton wird Wort wird Gedanke wird Wissen
Die Töne, die wir hören, sprechen direkt unsere Gefühle an: Vertrauen, Wärme, Angst, Freude, Schrecken. Ihre Bedeutung ist unscharf, abstrakt, Musik vergleichbar. Erst Schritt für Schritt formen sich für uns aus den Stimmen, die wir mit Blicken, Gesten und Zusammenhängen verbinden, Silben, Worte – und irgendwann so etwas wie Sätze. Jetzt werden die Informationen konkret, werden zu einer Reflexion dessen, was wir mit den anderen Sinnen wahrnehmen. Die unscharfe Kugel, die in einem See von Farben und Linien schwimmt, wird zum Ball. Wir beginnen, die Welt zu reflektieren, ihr Bild mit Worten zurückzuwerfen. Verständnis entsteht.
Die Stimme: Trägerin der Erinnerung
In den ersten fünf, sechs Jahren unseres Lebens wird uns das Universum über unser Gehör erschlossen und verständlich gemacht. Es sind unsere prägenden Jahre, das Hören wird für immer eine Verbindung zum Unbewussten jener Periode bleiben und unser erster, zentraler Sinn für das Lernen, für Kommunikation, für das Verständnis der Welt.
Homo Sapiens war in den ersten 98 %2 seiner Lehr- und Wanderjahre auf das Gehör zum Lernen und die Stimme zur Weitergabe angewiesen. Der grösste Teil des Wissens der Menschheit ist mündlich weitergereicht worden. Entdeckungen, Mutmassungen, Geschichte und Geschichten, die von Mund zu Ohr wandern, über 12’000 Generationen3 hinweg. Die Stimme bis vor kurzem der einzige Träger der Erinnerung.
Hören ist Intimität.
Hören ist Privatheit.
Hören ist Fantasie.
Hören ist Aktivität.
Körperloses Theater
Als ich mit achtzehn am Scheideweg stand und plötzlich wusste, dass nicht Medizin, sondern Theater mein Leben werden sollte, war es die Pantomime, das Erzählen von Geschichten durch Körper, Raum und Zeit, die mich anzog. Stummes Spiel, stummes Publikum. Als Geräuschkulisse nur innere Welten. Die Intimität des unhörbaren Atems. Dann kam ganz natürlich der Ton hinzu, schliesslich das Wort4. Das Theater als Medium mündlicher Überlieferung, Erinnerung und Zukunft zugleich. Imagination, die zu Worten wird, und Worte, die zu Imagination werden. Die Vorstellungskraft des Schauspielers gebiert das Wort, das die Imagination des Zuschauers entfacht. Hier liegt für mich die tiefe Verwandtschaft zwischen Theater und Hörspiel, zwischen Bühne und Podcast: Beide vertrauen auf die schöpferische Kraft des gesprochenen Wortes, beide entwerfen Welten in der Fantasie ihrer Zuschauer, ihrer Zuhörer.
Der Unterschied ist minimal und zugleich essenziell: die Präsenz des Körpers im Theater, seine Abwesenheit im Radio. Aber das Prinzip bleibt gleich: Worte werden zu Bildern, Stimmen zu Figuren, Pausen zu Bedeutung. In beiden Medien entstehen Geschichten durch die Schöpfungskraft des Empfängers.
Das Geräusch: ein Universum
Die Welt hat sich weitergedreht. Während unserer vielen Gastspielreisen durch Russland habe ich mein Herz an Freunde und Kollegen in Novgorod, Jekaterinburg, Samara, Novosibirsk, Novij Urengoi, St. Petersburg verloren. Heute schiebt mich eine tiefe Sehnsucht nach jener Welt vor sich her, nach jener Seele, jenem kultivierten, grossartigen Menschsein, jener Kultur, die so endlos zu sein scheint wie das Land. Das kindliche Gruseln vor Moskau ist mit der Zeit zurückgefallen in verborgene, vergangene Daseinsschichten – bis es mich plötzlich wieder gepackt hat, als ich in den Neunzigerjahren beim Drehen am Frequenzregler meines Taschenradios auf The Buzzer5 gestossen bin: UVB-76 ist ein geheimer, oder besser: geheimnisvoller russischer Kurzwellensender, der rund um die Uhr einen monotonen Brumm- oder Summton sendet und bei guten Bedingungen weltweit empfangbar6 ist. Er konnte bislang nicht dechiffriert werden. Doch diese Töne, die eingestreuten russischen Sprach- und Codenachrichten und die These, dass er auf geheimnisvolle Weise mit dem Untergang der Welt7 verbunden sei, warfen mich augenblicklich zurück in die namenlosen Ängste meines Kindseins.
Verstummen: Der Verlust einer Welt
Die Geschichten meiner Grossmutter, die sie aus ihrer untergegangenen Welt mitgebracht hat. Geschichten von Menschen aus dem Sudetenland, Tschechen, Ungarn, Deutschen, von Wäldern und Dörfern am Fuss der Schneekoppe. Natürlich, die furchterregendsten von allen, die Geschichten von Rübezahl, dem launischen Berggeist des Riesengebirges, die sie mir, dem fiebrigen, ängstlichen Kind abends am Bettrand oder, mit verschwörerisch gedämpfter Stimme, in der Strassenbahn auf dem Weg zum Deutschen Museum erzählte.
Sie ist vor bald vierzig Jahren gestorben. Es sind nicht die Geschichten, die mir fehlen. An vieles erinnere ich mich, manches habe ich aufgezeichnet, und das meiste lebt wohl in mir weiter, eingeschrieben in mein Sein mit unsichtbarer Tinte. Was mir abgeht, dieses Loch, ein Fehlen, das mir eine Art von andauerndem Phantomschmerz bereitet, ist ihre Stimme. Der tönende Hauch, dessen Schwingungen aus der Erinnerung kommend im einzigartigen Moment des Daseins vom Körper geformt werden, ist wohl so etwas wie der Fingerabdruck der Seele.
Ihr Verstummen ist die Verwaisung der Zurückbleibenden.
Ich bin mein Gehörtes.
1 hörst du
2 Alter Homo Sapiens: 300’000 Jahre, Erfindung der Schrift in Mesopotamien vor 5’000 Jahren
3 300’000 Jahre Homo Sapiens ÷ 25 Jahre/Generation = 12’000 Generationen
4 Danke, Jean-Martin!
5 Жужжалка на 4625 килогерц, Radiosender mit dem Erkennungszeichen UVB-76 (heute ЖУОЗ), der rund um die Uhr auf etwa 4625 kHz im Rundfunk-Kurzwellen-Bereich einen monotonen Brumm- oder Summton sendet. Gelegentlich wird der Ton unterbrochen durch russische Sprach- bzw. Code-Nachrichten (z. B. Namen, Ziffern, Rufzeichen). Der Zweck ist nicht klar. Es wird jedoch angenommen, dass es sich um eine militärische oder geheimdienstliche Station handelt: Überwachung, Alarmierung oder geheime Kommunikation.
6 Kurzwellensignale (3–30 MHz) werden von der Ionosphäre reflektiert, wodurch sie Tausende von Kilometern zurücklegen können. In der Praxis ist das 4625-kHz-Signal des „Buzzers” je nach Tageszeit und atmosphärischen Bedingungen in ganz Europa, Asien und sogar in Nordamerika zu hören. Die Ausbreitung in der Nacht – besonders im Winter – vergrössert die Reichweite erheblich. Unter günstigen ionosphärischen Bedingungen kann man UVB-76 bis über den gesamten Globus empfangen.
7 Die These besagt, dass ЖУОЗ der primäre Auslöser eines automatisierten nuklearen Vergeltungssystems ist: er gibt das Signal zum finalen Vergeltungsschlag, sollten alle anderen Kommandostrukturen zerstört sein. Die Theorie ist weit verbreitet, wird aber von ernstzunehmenden Forschern und Medien stark angezweifelt.
Zur Entstehung des Projektes:

Das Essay ist hier erschienen:

Kommentare