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Der weisse Löwe 7 Min. Lesezeit
Gestalten in Käfigen

Der weisse Löwe

Im Zirkus: Seelöwen, Zuckerwatte und ein weisser Löwe hinter Gittern

Von Markus Zohner
Der weisse Löwe Beitragsbild

Hier ist der vierte Teil der Serie Gestalten in Käfigen.

Gute Lektüre, bis zum Schnappschuss am Montag!

Markus


Teil 4 der Serie Gestalten in Käfigen.

Der weisse Löwe

Nach Dressurreiten, Seelöwennummer und tristem Spassmacher, dessen Name es nicht wert ist, nachgeschaut und an dieser Stelle veröffentlicht verewigt zu werden, Pausenschlangen vor den Toiletten. Zuckerwatte, ein Zwerg mit Programmheften zu zwölf Euro, und in der Manege inzwischen Eritreer, Sri Lanker und zwei, drei Ungarn als Kommandogeber, die mit den gleichen, um nicht zu sagen, identischen Falt-, Lauf- und Stellbewegungen wie die inzwischen hoffentlich längst in den verdienten sogenannten Ruhestand verabschiedeten Käfigbauer von vor fünfzig Jahren Tigerstationen und Gitterteile im Laufschritt hereintrugen.

Es war mir plötzlich, als ob nicht die Männer lebten, die diesen Käfig aufbauten, sondern vielmehr der Käfig selbst, der vielleicht nicht Jahrhunderte, aber doch etliche Jahrzehnte sich hier auf- und wieder abbauen liess, um einen alten weissen Löwen in sich einschliessen zu lassen und ihn seine Kunststücke und vor allem sein spektakuläres Gebrüll aufführen zu lassen. Ein Phänomen, nicht unähnlich dem gewisser Fussballmannschaften, deren Spieler und Trainer, und sogar Vorstände alle paar Jahre ausgewechselt werden, die aber trotzdem immer dieselben Plätze in der Super League oder auf der Bundesligatabelle belegen. Als ob das augenscheinlich Nicht-Lebendige ein klarer definiertes Eigenleben hätte als das Lebendige, das immer nur kurze Zeitspannen überdauert.

Der Käfig entfaltete sich also, er baute sich vor meinen Augen auf, und just als der letzte Fetzen Zuckerwatte in meinem Mund geschmolzen war, verschwanden die Männer. Wie ausradierte Zeichnungen existierten sie noch kurz als Schatten im verlöschenden Licht.

Verbannte Fauna

Scheinwerfer blendeten auf. Der Dompteur, obgleich mit Sicherheit ein anderes menschliches Wesen als der Tierbändiger meiner Kindheit, ein Nachfahr vielleicht, lief mit dem gleichen Schritt durch den Käfig wie sein Ahnherr vor einem halben Jahrhundert. Er trug den gleichen eleganten schwarzen Anzug, an dessen Hosenbeinen seitlich zwei schwarzglänzende Stoffstreifen angebracht waren. Er sah aus wie sein eigener Totengräber.

Eine Gittertür öffnete sich, und ein alter weisser Löwe betrat die Manege. Tränen sprangen mir in die Augen. Ich hatte mit all’ dem nicht gerechnet. Die Zirkusvorstellungen, die ich seit meiner Kindheit gesehen hatte, waren immer veganer geworden. Erst verschwanden Elefanten und Seelöwen, dann Giraffen und irgendwann auch die Pferde. Irgendwelche Pudelnummern blieben übrig, aber das hatte weniger mit der Bändigung oder gar Zähmung von Tieren zu tun, sondern schien eher ein Jux zu sein, den sich ein ansonsten als Reifenjongleur angestellter Franzose erlaubte. Der Tierschutz und sicher auch ein von Jahr zu Jahr dünnhäutigeres, in puncto Tiermiss- bzw. -behandlung sensibleres Publikum hatte die Fauna längst weggezaubert, sie war verbannt aus den Manegen und aus den Ansprüchen der Zuschauer.

Foto: MZ 2024

Der Meister

Kaum in der Manege stand er still. Vor ihm sein Bändiger, beide Arme erhoben. Der Löwe blickte auf seinen Meister – oder war er selbst der Meister, und diese aufrechte Wurst im Frack vor ihm war sein handzahmes Haustier? In der atemberaubenden Stille war die einzig wahrnehmbare Bewegung die des Löwenschwanzes, der sich langsam von einer Seite auf die andere legte. Das Publikum war derart gefangen, dass es schien, als hielte es auf Kommando des Löwen tausendfach den Atem an. Als er den Moment für gekommen hielt, ging er an dem Menschen, der immer noch mit erhobenen Armen vor ihm stand, vorbei bis ans Gitter, drehte sich nach links und schritt, es ist das einzige Verb, das mir trotz ihrer Lautlosigkeit zu diesen Bewegungen in den Sinn kommt, an den Gitterstäben entlang um die Manege. Rilkes Gedicht1 kam mir ausdrücklich nicht in den Sinn, als der Panthera leo krugeri in unendlicher Stille die Stäbe abschritt, weil einerseits Rilkes Raubkatze ein Panthera pardus fusca, ein Indochinesischer Leopard zu sein scheint und mit dem hier auftretenden beinahe albinofarbigen König aller Tiere nur die Gattung Panthera teilt, und andererseits Dinggedichte mir trotz ihrer scheinbaren Tiefe und in Rilkes Fall unleugbarer Qualität den Geruch von Poesiealben verströmen, also von Banalität.

Vierzig Kilo Frischfleisch

Sein Blick war nach aussen gerichtet, ins Publikum, als nähme er Mass, aber wer kann wissen, was in diesem nichts als Fleisch fressenden Hirn vorging beim Anblick dieser schier unendlichen Menschenmenge? Welcherart wäre das Blutbad, würden die Stäbe mit einem Mal entfernt, was würde Tier wohl anrichten? Ein ausgewachsenes Löwenmännchen bringt locker zweihundert Kilo auf die Waage und kann gut und gern vierzig Kilo Frischfleisch pro Tag verzehren. Würde er, der ja mit Sicherheit schon ordentlich gesättigt in den Käfig geschubst worden war, trotzdem fortfahren, die aufspringenden und auf der Flucht übereinanderstolpernden Leiber zu packen, am Genick oder sonstwo, um sie einfach totzubeuteln oder zu -beissen, wie ein Marder, der in einem Hühnerstall nicht anders kann, als allen in Panik herumflatternden Hennen den Garaus zu machen, bis endlich Ruhe herrscht?

Es war sicher nur Zufall. Als er auf meiner Höhe war, blieb er stehen und schaute in seinem, von Gegenscheinwerfern herausgearbeitet, unerwartet staubigen Fell, durch die Stäbe hindurch in das, was er als Dunkel wahrnehmen musste. Trotz Zurufen seines Meisters blieb er stehen und schaute nach draussen. Sein eisgrauer Blick traf den meinen, würde ich gern sagen, aber das ist unsagbar, wohl auch nicht wahr, obwohl ich in der zweiten Reihe sass, nur einen Kieselsteinwurf entfernt von der Bestie. Ich fühlte mich eher eingekeilt in dem Schraubstock, den die beiden so ungewöhnlich hellen Augen des Tieres bildeten und deren Blick mir wie zwei gezielte Faustschläge die Gedanken aus dem Kopf drosch. Er meint mich.

Statt Gedichten gingen mir jetzt Fütterungszenen durch den Kopf und die Frage, ob man ihm und seinen Genossen ab und an einfachheitshalber auch lebendige Rinder und Schweine zuführte.

Der Kampf

Das Foto, das meine Mutter, sie sass schräg hinter mir in der dritten Reihe, nach kurzem Zuruf jetzt von mir schoss, zeigt mein vom Blitz gebleichtes Gesicht mit roten Augen. Gleich hinter mir die Gitterstäbe. Dem aufmerksamen Saaldiender in seinem rot-schwarzen Livree, der sich sozusagen auf meine Mutter stürzte und ihr die Kamera nach einem kurzen Kampf, sie widersetzte sich seinem Angriff heftig, entwand, um sie ihr am Ende der Vorstellung, mit mahnenden Worten zur Schreckhaftigkeit von Raubkatzen, zurückzugeben, ist nicht genug zu danken. Obwohl man den Löwen auf dem Bild nur schemenhaft hinter den Gittern erahnen kann, ist dieses Photo für mich mit einem Todesschrecken verbunden. Irritiert durch den Blitz ihrer alten, mit Film geladenen Yashica-Kamera, muss der Löwe in meinem Rücken auf uns aufmerksam geworden sein, und die schnellen Bewegungen des Saaldieners, der der Kamera habhaft zu werden versuchte, haben wohl einen Packreflex ausgelöst. Das Tier muss von seinem königlichen Hocker direkt auf uns gesprungen sein, mit einem Knall aufgehalten nur von der Gitterwand. Ich hörte in meinem Rücken den Aufschrei des Publikums und das metallene Scheppern des Käfigs, der mitsamt seinem von oben angebrachten Netz gefährlich wankte, und sah Maul und Tatzen der Raubkatze keine zwei Meter von mir in irrwitzig schnellen Bewegungen versuchen, der kämpfenden Warmblüter ausserhalb seines Käfigs, also meiner Mutter und dem Saalordner und wohl auch mir habhaft zu werden.

Die Bestie brüllte markerschütternd, ein Ton, der technisch ganz unmöglich zu sein scheint. Er kommt nicht aus diesem sicherlich grossen, aber doch umschriebenen Tierkörper. Man kann sich eventuelle Stimmbänder oder sonstige begreifbare Organe zur Tonerzeugung, die dieses Grollen in sich zusammenbrechender Abgründe produzieren, überhaupt nicht vorstellen. Das ist eher eine Art Getöse aus der Vorhölle, einer riesigen Halle, in der seelische und körperliche Torturen aller Art vorbereitet werden, mit Felsbrocken, Geröllhalden und unsagbaren Stich- und vor allem Schlag- und Quetschwerkzeugen.

Der rettende Mantel

Laute, schnelle Kommandos des Dompteurs, der sofort zur Stelle war, und zwei, drei peitschende Schnalzlaute von ausserhalb des Käfigs scheuchten die Katze fort. Sie lief, unter dem erhobenen Stock des Dompteurs und unter lauten Zurufen zweimal das Rund der Manege an den Gitterstäben entlang, sichtlich erregt. Dann stellte der Bändiger sich ihr in den Weg. Lautes Brüllen, zwei, drei Tatzenhiebe zum erhobenen Stock, dann drehte er ab und sprang zurück auf seinen hohen Thron. Brausender Applaus.

Ich musste mir den Mantel über den Schoss legen in der Hoffnung, dass meine Nachbarn nicht sähen, dass ich mich ein wenig eingenässt hatte. Vor allem bemühte ich mich, den Glauben zu nähren, dass für die Trocknung bis zum Ende der Vorstellung genügend Zeit bliebe und ich aufrecht zur Strassenbahn und nach Hause gelangen könnte.

An den Rest der Dressurnummer, es kamen dann noch weitere Raubtiere in den Käfig, sie liefen aus einem unbekannten Grund in gemeinsamen Formationen und sprangen übereinander, erinnere ich mich nur schemenhaft. Am Ende des Aktes kam der Löwe nochmals bei uns vorbei, er verabschiedet sich, schoss es mir durch den Kopf, aber wahrscheinlich prüfte er nur, ob es nicht doch einen Zugang gab zu dem in kaltem Schweiss sautierten Menschenfleisch, das sich auf jenseits der dünnen Stäbe im Halbdunkel in Sicherheit wähnte.

Was für eine Art von Gestalt war ich?  
War in Wirklichkeit ich im Käfig, war dieser sozusagen umgestülpt, hatte sein Innerstes nach aussen gekehrt und mich eingesperrt in meinem Bann, in Sicherheit zwar, aber doch abgetrennt von der wirklichen Welt, die das Spiel des Weissen Löwen mit seinem Dompteuer war? Oder war, ja, diese Bestie in mir, dieser riesige, mit Müh und Not gezähmte, grausame Weisse Löwe, dem seine Angriffsinstinkte gerade so wegtrainiert waren und unter klarer, brüchiger Oberfläche sich deutlich regten, wie man sich einen dunklen Raubfisch vorstellen mag, der unter der gerade zugefrorenen Eishaut sein Unwesen treibt, jederzeit bereit, die lächerliche Schicht zu durchbrechen, um einen vorbeiziehenden Vogel oder einen unvorsichtigen Otter zu packen und zu sich hinabzuziehen.  
Oder war ich der ewige Dompteur, der seine Raubkatze die paar in Wirklichkeit bescheidenen Kunststückchen vorführen lässt unter dem tosenden Applaus des Publikums, der weder Bestie noch Bändiger gilt, sondern vielmehr dem Käfig und der Tatsache, dass der einsame Mensch darin noch am Leben ist?

Kein Clown trat diesmal auf, mich zu befreien. Die missglückten Spassmacher, die jetzt hereintrollten, sperrten mich nur noch tiefer in meine Verliese aus Trauer und Angst. Ich war froh, nachdem auch der kurz vor seiner Pensionierung stehende Akrobat in zehn Metern Höhe am schwankenden Mast seine Kunststücke überlebt hatte, beim grossen Schlussakkord alle Artisten vollzählig ins wie von Sinnen applaudierende Publikum winken zu sehen.

Als meine Mutter dann vom Ordner ihre Kamera zurückbekam, hielt ich mich abseits – nicht so sehr aus Betretenheit, mein geschlossener Mantel hatte mir meine Würde zwischenzeitlich zurückgegeben, sondern weil ich einerseits nichts zu antworten gehabt hätte auf die freundlichen, aber bestimmten Zurechtweisungen des livrierten Herrn aus Budapest, andererseits auch ahnte wusste, dass jedes weitere Wort den Löwen betreffend mich fester mit ihm in den Käfig eingeschlossen hätte, in dem ich augenscheinlich seit jeher mit ihm hause.

1

Rainer Maria Rilke

DER PANTHER

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

1903

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