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Der Mann am falschen Bahnsteig 6 Min. Lesezeit
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Europa

Der Mann am falschen Bahnsteig

Vierzehn Stunden auf Schienen. Lugano, Gotthard, Paris, der Eurostar, London, Suffolk. Jeder Kilometer ehrlich erarbeitet. Nur die langsame Verwandlung der Landschaft, der Sprachen, des Lichts.

Von Markus Zohner

Lugano, Zürich, Paris, London, Suffolk


Südostengland. Ein Landhaus zwischen zwei Flüssen und dem Meer.
Auf allen nur erdenklichen Wegen bin ich in meinem Leben schon hergepilgert: Als Kind mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder nachts im Trans Europa Express von München nach Hoek van Holland und von dort mit dem Schiff nach Harwich. Später mit dem Flugzeug von Zürich oder Mailand nach London Stansted, und von dort mit dem Bus nach Ipswich. Noch später dann dem eigenen (gemieteten!) Flugzeug von Locarno nach Wattisham, wo es eine fast unsichtbare Graspiste inmitten grosser Felder gibt, die man vor dem Landeanflug erst dreimal überfliegen muss, um Lage, Ausrichtung und Zustand festzustellen. Und bei jeder neuen Ankunft hat mich meine grosse Freundin Usch mit ihrem Mann William abgeholt, begrüsst und in die Arme geschlossen.

Gestern früh, Samstag 7. März 2026, 6:40, Lugano. Es wird langsam hell. Der Bus kommt pünktlich, keine zehn Minuten später bin ich am Bahnhof, um 08:02 fährt der Intercity nach Zürich ab, und das ganze Tagwerden wird zunichte gemacht durch den schier unglaublichen Gotthard Basistunnel. Schon kurz nach Bellinzona saugt das Gebirgsmassiv den Zug in seine fast 60 Kilometer lange Röhre ein, um uns zwanzig Minuten später an die Ufer des Vierwaldstättersees wieder auszuspucken.

Zürich kurz nach 9, einen Kaffee im Pappbecher für 4,70, der TGV nach Paris steht schon bereit. Die Abteile füllen sich, aber zum Glück sind die Sessel in der ersten Klasse breit genug, dass Raum bleibt für die langen Beine und für die vielen Gedanken, die sich mit dem Zittern des Zuges immer enger spinnen zu einem dunklen Kokon, der dir endlich irgendwann hinter Dijon die Augen zudrückt und den Füller aus der Hand fallen lässt.

Kurz vor Ankunft schrecke ich auf. Der kritische Moment der Reise nähert sich: Eine halbe Stunde steht mir in Paris zu, um von der Gare de Lyon zur Gare du Nord, dem Abfahrtsbahnhof des Eurostar zu kommen.
Linie D der RER-Bahnen, zwei Haltestellen, so schwer kann das nicht sein. Im Pariser Untergrund setze ich meine Lesebrille auf und ab und kontrolliere Linienfarben und Endstationen, um meinem ewigen Albtraum zu entkommen, zwar in der richtigen Bahn zu sitzen, aber in die falsche Richtung zu fahren. Ich muss wohl einen wirren Eindruck gemacht haben, auf jeden Fall spricht mich ein gütiger älterer Herr an, fragt nach meinem Ziel, und bietet mir an, mich bis zum Bahnsteig zu begleiten. Gerne nehme ich an. Wir fahren auf endlosen Rolltreppen hinunter immer weiter in Richtung Erdmittelpunkt, wechseln ein paar Worte, woher, wohin, wozu, und dann weist er mich am Bahnsteig an, mich auf eine Bank zu setzen und in sieben Minuten in den Zug zu steigen, der mich in sechs Minuten zum Nordbahnhof bringen wird. Und verabschiedet sich.

Kurz packt mich meine Müdigkeit, aber ich reisse mich zusammen. Die Anzeige blinkt auf: Melun. Ich nestle meine Lesebrille aus der Tasche und haste zum nächsten Plan, finde endlich die grüne D-Linie und tatsächlich! Zurück zur Rolltreppe, im Laufschritt zurück an die Oberfläche, oben blitzschnell die Schilder und Tafeln gescannt und auf der anderen Seite wieder hinunter, Richtung Creil, ja, Creil ist richtig, richtig, richtig!

Er scheint mich nicht zu sehen, oder er erkennt mich nicht, oder er ist ein Meister. Er schaut durch mich hindurch als ob ich Fensterglas wäre. Aber ich bin sicher, dass der Herr, der mir gegenübersitzt, derselbe Mann ist, der mich vor einer Viertelstunde auf die Bank am falschen Bahnsteig gesetzt hat. Er steht auf und steigt aus, erst jetzt schrecke ich aus meiner Verblüffung oder meinem Schrecken auf und stürze, die Tür schliesst sich schon mit lautem Hupen, hinaus aus dem Albtraum. Gare du Nord.

Gare de Lyon

Zwischen Ankunft, Ticket- und Passkontrollen und Einchecken für den Eurostar bleibt wenig Zeit. Schon hier in Paris prüfen die englischen Grenzbeamten Pässe und Visa, dann Sicherheitskontrollen. Der Zug praktisch leer in der ersten Klasse. Zweieinhalb Stunden von Paris nach London, nach einer guten Stunde rauscht der Zug mit 160 km/h bei Calais in den Unterwassertunnel und der leicht modrige Geruch setzt ein, der einen während des ganzen Aufenthaltes auf der Insel nicht mehr loslassen wird.

Trotz der heute so grossen Geschwindigkeit der Züge hat man beim Reisen über Land, im Gegensatz zum Fliegen, das Gefühl, jeden Kilometer, jeden Meter überwinden zu müssen, zu dürfen. Wie bei einer langen Wanderung ist jeder Schritt, jeder Meter ehrlich erarbeitet, da gibt es keine Ausflucht, keine Zauberformeln, die einem die Strecke einfach abnehmen wie bei den fliegenden Teppichen, von denen schon die alten Perser in ihren Geschichten geträumt haben und die heute in Massen die Lufträume durchkreuzen wie schreiende, unterernährte, ständig dem Wahnsinn nahe Hornissen.

Fliegen hat für mich in den letzten Jahren schreckliche Gestalt angenommen. Die riesigen Hallen, in denen man, obwohl man eigentlich zum Reisen hergekommen ist, endlos wartet: Sinnlos gewundene Schlangen zum Einchecken, zur Sicherheitskontrolle, riesigen Warteräume mit tausenden Menschen, sitzen, stillhalten oder Drogen kaufen: Schnaps, Wein, überteuertes Parfum, süsses Zeug in unmässigen zollfreien Tüten. Wieder Schlangen, halbe Stunden des gedrängten Stehens. Dann im Flugzeug: Gedränge, Kleinheit, Platzmangel, Enge, schlechte Luft. Die Reise: nicht erlebbar. Nach der Landung dasselbe Theater wie beim Abflug: wieder Hallen, wieder sinnlos lange Gänge, wieder warten, diesmal auf das Gepäck, und dann kommt man nach einem halben oder ganzen Tag der Torturen endlich raus an die frische Luft und findet sich in einem Niemandsland weit ausserhalb jedweder Zivilisation wieder.
Die ganze Fliegerei findet an Unorten statt, an Plätzen, die in einer menschlichen Realität eigentlich keinen Platz haben sollten. Sie hängen mir zum Hals raus, diese überdrehten Scheinwelten. Heute geniesse ich jede Reise, die zu Fuss geht, auf dem Rad, auf Schienen, auf Fähren und wenns sein muss in irgendwelchen Überlandbussen. Reisen, bei denen sich die Landschaft langsam umbildet, bei denen man die Grenzen überschreiten darf und Menschen in sich verwandelnden Sprachen zuhören kann. Reisen, bei denen das Licht sich verschiebt.

Elf Stunden von Lugano bis London, pure Magie schliesslich anzukommen und einfach mitten in der Stadt auszusteigen.
Vielleicht ist diese Reise auch durch ihre Länge so wohltuend, wie eine lange Massage, die anstrengend und manchmal schmerzhaft ist, die einen aber tief entspannt entlässt.
Elf Stunden Ruhe. Geschenkter, unerwarteter Ruhe.

In London steht dann, es ist kaum zu glauben, mein Freund Adel in der wartenden Menge der Abholer. Adel ist Arzt in London, mein aus Schulzeiten verbliebener Freund. Ich hatte ihm aus Paris einen Gruss geschickt, er hat sich in den Zug aus Surbiton geschwungen, jetzt tun wir auf dem Weg durch London zu Liverpool Station ein, zwei Pubs auf. Das erste ist knackvoll, Rugby läuft auf grossen Bildschirmen, die Stimmung ist düster. Wir haben unser Pint recht schnell getrunken, um noch vor Abpfiff wieder draussen zu sein (Italien hat dann 23:18 gesiegt – der erste historische Sieg Italiens gegen England).

Das Wiedersehen, die Gespräche, die Gedanken. Es gibt Dinge, Themen, die ich mit Adel teile und mit niemand anderem. Vielleicht bewegen wir uns so durch das Leben: mit jedem Menschen existieren wir nur in bestimmten Themenkreisen, über andere Dinge sprechen wir mit ihnen nie. Die Schnittmenge dieser Themen sind dann das, was wir als Das Organische, als Kontinuität, oder als Geflecht unseres Lebens wahrnehmen. In Wirklichkeit sind diese Beziehungen, diese Themenkreise aber wohl vollkommen isolierte Gebiete.

Fish and Chips im Blackfriars Pub, hervorragend. Ein trauriger, sturzbetrunkener Tscheche setzt sich zu uns an den Tisch, lallt vom Weltuntergang und hat recht mit seinem Gebrabbel, aber dann prallt seine Welt von unserer ab und er versucht, irgendwie lebendig die steile Treppe hinunterzukommen zur völlig übergelaufenen Toilette.

Liverpool Street Station. Eine grosse Umarmung. Für Freunde ist es nicht wichtig, sich oft zu sehen. Es ist wichtig zu wissen, dass der Andere da ist.
Verabredung für den Sommer. Um acht Uhr fährt der Zug nach Ipswich ab, ein besoffener Tölpel übersieht eine Stufe im Gang und fällt mit seiner ganzen Dummheit von hinten auf mich drauf. Es knackst ein bisschen im Nacken, nichts Bleibendes. War es Nicolas Bouvier, der gesagt hat, dass eine Reise einen rädern muss, sonst ist es keine Reise?

Um neun sitze ich im Taxi und endlich, vierzehn Stunden nach meinem Aufbruch in Lugano schliesst mich an ihrem geheimen Ort meine Taufpatin in die Arme und zieht mich in ihr zauberhaftes Haus zwischen zwei Flüssen und dem Meer.


Kompagnon werden, Spiegelschrift erhalten

Markus Zohner
Hier entstehen Gedanken zu Theater, Wissenschaft, Literatur, Gesellschaft. Imagination und Wort.

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