Vorzeichenwechsel: Cast for Mars
Ein immersives Erlebnis von Alter Agent in Treviglio. Über eine einzige dramaturgische Entscheidung, die den Unterschied macht zwischen Zuschauen und Erleben.
Ich steige in Treviglio zu. Der halbleere, aber grell erleuchtete Regionalzug schneidet von Verona kommend bedächtig durch das Mailänder Hinterland. Dunkle Stadtsilhouetten. Industriezonen im Zwielicht, Landschaft, die aussieht, als hätte sie aufgegeben, sich anzukleiden, um sich jetzt in ihrer ganzen Nacktheit von vorbeifahrenden Seelen begaffen zu lassen.
Man fährt hin, weil jemand, der einem wichtig ist, auf der Bühne steht, und jetzt fährt man zurück, den Schädel voller Eindrücke, die in einer stumpfen Leere hausen.
Cast for Mars ist ein immersives Erlebnis, geschaffen von Alter Agent, dem kreativen Produktionsstudio von Francesco Fiore und Mariano Leotta. Beide ehemals bei Moment Factory, pendeln sie jetzt zwischen Mailand und Tokio. Die Prämisse des Stückes, oder ist es eine Ausstellung?: die Besucher betreten ein Trainingslager für Menschen, die den Mars kolonisieren werden. Über neunzig Minuten wird eine Crew von fünf oder sechs Kandidaten durch die Herausforderungen des Überlebens auf einem Planeten geführt, der alles in seiner Macht Stehende tun wird, Leben zu vernichten. Auf der anderen Seite der Halle erklären wissenschaftliche Guides den Besuchern Wasserknappheit, tödliche Strahlung durch die fehlende Ozonschicht des roten Planeten, die Architektur von Raumanzügen, Wasserrückgewinnungssysteme, Pflanzenanbau, die Herstellung synthetischer Nahrung. Es gibt Pizza. Es gibt Curry. Es gibt Schnitzel, alles hergestellt aus synthetischen Pflanzen.
In geodätischen Zelten durchläuft die Trainingsmannschaft, also die andere Hälfte des Publikums, parallel zur Gruppe der Besucher Gamification-Sequenzen, Stressmanagement-Übungen, Gedächtnisaufgaben. Alarme heulen. Systeme fallen aus. Künstliche Intelligenzen machen schlimme Fehler, man versteht nicht genau, was warum hupt, heult und blinkt. Alles ist spektakulär realisiert: Projektionen, Lichteffekte, interaktive Echtzeitsysteme, riesige Bildschirme. Das technische und kreative Handwerk, das hier zu sehen ist: Respekt! Das Finale ist beeindruckend in seiner Dimension, in seiner Ausführung, in seinem Ehrgeiz. Eine riesige Leinwand in dieser in jedem Winkel bespielten Messehalle zeigt in Echtzeit Stressdaten der Trainingsgruppe, Wasserstand ihrer Reservetanks und anziehende Sandstürme. Spektakulär gestaltete Spiele. Der Aufwand hinter dem gesamten Unternehmen ist beeindruckend.
Die Lichter nehmen jetzt zu, die Häuser nähern sich den Gleisen bedrohlich. Es ist 20:44, als der Zug in Milano Centrale zum Halten kommt. Als ich realisiere, dass ich den Anschluss nach Hause um eine Minute verpasst habe, steht mir die Lösung des Problems dieser Show plötzlich glasklar vor Augen. Es ist eine einzige, eine fundamentale dramaturgische Entscheidung.
Die Prämisse macht einen Teil des Publikums zu Trainees für die Marsmission, den anderen Teil zu Besuchern. Wir sind Beobachter, die auf der Erde anderen beim Vorbereiten auf eine zukünftige Mars-Mission zuschauen. Wir stehen in einem Trainingsgebäude. Die Alarme heulen, die Systeme kollabieren, die KI versagt, aber wir wissen immer, dass wir sicher sind.
Nichts bedroht Besucher eines Trainingsgeländes.
Der Abstand zum Geschehen ist unendlich.
Wir beobachten das alles, und irgendwann haben wir dann eben auch verstanden. Jede Krise, so laut sie auch sein mag, so aufgeschreckt, so dringlich sie von den Spielern gestaltet wird, landet weich, bleibt harmlos, weil die Prämisse selbst in jedem Moment sagt: dies ist nur ein Training, eine Vorbereitung auf Künftiges, hat also mit dem Jetzt nichts zu tun.
Du schaust zu. Du kannst jederzeit gehen. Die Tür ist dort drüben, und sie steht offen.
Zuschauen ist etwas grundlegend anderes als etwas Erleben. Wenn der Körper weiss, dass er sicher ist, entspannt sich das Nervensystem. Der Verstand beobachtet. Schätzt. Bewertet. Aber er lässt sich auf nichts ein. Es gibt keinen Prozess, an dem man teilhaben könnte.
Die Frage, die sich stellt, ist einfach, aber alles andere als banal: Warum das Trainingslager als Ausgangssituation?
Es ist diese eine Entscheidung, die Erklärung zum Training, zur Vorbereitung, zur Probe für etwas, das anderswo passieren wird, anderen Leuten, später, die alle Spannung auflöst. Und damit dem Publikum den Grund nimmt, präsent zu bleiben.
Warum statt Trainingslager und Besucher nicht: Realität?
Die Zuschauer auf dem Mars willkommen heissen.
Allen von der ersten Sekunde an sagen, dass sie auf dem Roten Planeten angekommen sind. Dass die Reise hinter ihnen liegt. Dass es kein Zurück gibt, wie im Leben. Dass es keine Tür nach draussen gibt, weil draussen der Tod herrscht. Von diesem Moment an wird das Spiel interessant, wird jeder Alarm zu einer echten Bedrohung. Jeder Systemausfall bringt unser Leben in Gefahr. Jeder KI-Fehler hat Gewicht. Wasserknappheit wird meine Wasserknappheit. Die Strahlung ist über meinem Kopf, nicht nur darin. Das synthetische Schnitzel ist mein Abendessen, nicht etwas, das vielleicht irgendwann einmal auf einem anderen Planeten Abendessen für andere werden könnte.
Ein Vorzeichenwechsel hebt alles um mehrere Dimensionen. Die Spiele werden zum Überlebenskampf. Die Guides werden zu Lebensrettern. Die spektakulären Projektionen werden zur dünnen Membran zwischen den Teilnehmern und ihrer Vernichtung. Derselbe Inhalt, dieselbe Technologie, dasselbe Talent, dieselbe sechs- oder siebenstellige Investition, alles plötzlich unter echtem dramaturgischem Druck. Und Publikum, das wissen möchte, wie alles ausgeht, anstatt sich schon nach einer Viertelstunde nach einem Prosecco zu sehnen.
Alles existiert.
Habe ich den Zug wegen einer Minute Verspätung verpasst? Oder den letzten des Abends in aller Ruhe erreicht?
Es hängt von der Frage ab.


Cast For Mars, Alter Agent, Treviglio, März 2026. Photos: MZ
Bis zum nächsten Brief,
ganz herzlich!
Schreib mir in der Zwischenzeit, ich freue mich.
Markus
Treviglio / Lugano, März 2026
Dieser Artikel ist auch auf english und auf italienisch erschienen


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